Leseprobe: 12 – Die Akademie der Zeit

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EIN FINSTERER PLAN

 

 „Wo ist der Junge?“ fragte die Stimme, die früher einmal einer schönen Frau gehört hatte.

 „Wir haben ihn gefunden“, antwortete Kalybe ihrer Herrin und ließ dabei den Valdyrr zu ihren Füßen nicht aus den Augen. „Unsere Suche hat endlich ein Ende.“

 Die Frau, die im Schatten vor ihr gesessen hatte, sprang auf und Kalybe trat instinktiv einen Schritt zurück. Ihre Herrin war groß und überragte Kalybe um einen ganzen Kopf. Doch ihr Körper war trotzdem so rank und schlank wie der eines jungen Rehs. Ihr langer Umhang sog die Schatten in sich auf und ließ sie darunter verschwinden.

 „Ihr habt ihn also gefunden?“

 Ihr Gesicht war jeglicher Emotionen beraubt. Freude, Trauer, Wut – es war unmöglich das noch zu bestimmen.

 „Habe ich das richtig gehört? Ihr habt ihn gefunden?“ Sie blickte sich suchend um. „Dann scheint mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung zu sein. Ich kann ihn nämlich nicht sehen.“

 Der Valdyrr spürte die Unruhe seiner Herrin und knurrte bedrohlich. Kalybe blieb ruhig. Sie wusste nur zu gut, dass von ihrer Herrin die sehr viel größere Gefahr ausging.

 „Wenn ihr ihn gefunden habt, warum kniet er dann nicht winselnd vor mir? Warum fleht er nicht vor meinen Füßen um Gnade?“ Sie trat noch näher an Kalybe heran, die es nicht wagte, sich auch nur ein bisschen zu bewegen. „Wo ist er?“

 „In der Sieben.“

 Die Augen ihrer Herrin funkelten. Kalybe konnte unmöglich sagen, ob es sich dabei um ein gutes oder ein schlechtes Zeichen handelte. Doch sie wusste sehr genau, dass es keine gute Idee war, ihrer Herrin zu lange in die Augen zu blicken. Zu viele hatten diesen Fehler mit ihrem Leben bezahlt.

 „Er ist in der Sieben“, wiederholte sie leise. „Doch sah ich es als meine Pflicht, Euch umgehend darüber zu informieren. Der…“

 „Er ist also in der Sieben?“ fragte die Frau. Das leichte Beben in ihrer Stimme kündigte bereits kommendes Unheil an. „In der Sieben?“

 Der Valdyrr hob seinen gehörnten Schädel ein wenig. Kalybe nickte stumm.

 „Du kommst also ohne ihn zurück, nur um mir das zu sagen?“

 „Der junge Penn Dorian ist ebenfalls…“

 „Wage es nicht!“ schrie die Frau und schien mit jedem einzelnen Wort noch größer zu werden. ”Wage es nicht, nach Ausreden zu suchen! Es ist nur ein kleiner Junge. Nur ein Junge! Wozu schicke ich zwei meiner besten und treuesten, wenn sie es nicht einmal schaffen, einen kleinen Jungen zu überwältigen?“

 „Ich hatte dich gewarnt, Dione“, sagte eine klare Stimme aus der Dunkelheit zu ihrer Linken und Kalybe hielt die Luft an. Es gab nicht viel auf diesen Welten wovor sie Angst hatte, doch den Namen ihrer Herrin so offen über ihre Lippen kommen zu lassen hätte sie niemals gewagt.

 „Ich hatte dich gewarnt“, wiederholte die Stimme langsam und trat noch immer nicht aus dem Schatten der hohen Säulen. „Ich hätte Penn Dorian erledigen sollen, als ich die Chance dazu hatte. Er wird uns noch mehr Ärger machen.“

 „Schweig“, befahl Dione ohne den Blick von Kalybe zu wenden. „Wann werde ich dem Jungen endlich Auge in Auge gegenüberstehen können? Wann wirst du mich endlich mit deinen erbärmlichen Ausreden verschonen und ihn zu mir bringen? Wann werde ich endlich persönlich die Angst in seinen Augen sehen? Wann wird er mir endlich sagen, was ich wissen will?“

 „Schon sehr bald, Herrin.“

 Dione wandte sich von Kalybe ab und schnaufte verächtlich.

 „Kendrick lässt ihn keine Sekunde aus den Augen“, sagte Kalybe, nachdem sich ihre Herrin wieder beruhigt und Platz genommen hatte. „Wir müssen lediglich den richtigen Zeitpunkt abwarten, dann wird er Euch Rede und Antwort stehen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“

Dione blickte einen Moment lang nachdenklich nach unten und beinahe schien es, als wäre sie eingeschlafen. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus.

 „Eine Frage der Zeit?“ schrie sie und so plötzlich das Lachen aus ihr herausgebrochen war, so plötzlich verschwand es auch wieder in den Untiefen ihres zarten Körpers. „Die Zeit war noch nie auf unserer Seite.“

 Kalybe senkte demütig den Kopf.

 „Doch das wird sich sehr bald ändern“, fuhr Dione fort und der Raum um sie herum schien noch dunkler zu werden. „Schon bald wird uns die Zeit nicht mehr im Wege stehen.“ Ihre Hand streichelte beinahe zärtlich über das borstige Fell des Valdyrrs, der Kalybe noch immer mit rot funkelnden Augen fixierte und nur auf eine Zeichen seiner Herrin wartete. „Und dann wird Cronus endlich wieder an meiner Seite sitzen.“

 „So wird es sein“, sagte Kalybe mit ruhiger Stimme und deutete eine leichte Verbeugung an.

 „Nathanael Penn Dorian“, zischte Dione abfällig. „Ich konnte seinen Vater schon nicht ausstehen und er steht ihm in nichts nach. Wagt es nicht ihn zu verschonen.“

 „Seine Mutter…“

 „Sei still! Du wirst in meinen Hallen nicht von ihr sprechen“, unterbrach Dione sie und Kalybe senkte sofort das Haupt und trat einen weiteren Schritt zurück. „Wage es nicht, oder es waren die letzten Worte, die über deine Lippen gekommen sind.“

 Eine bedrohliche Stille durchzog mit einem Mal das düstere Gewölbe und Kalybe wagte es nicht, sie zu durchbrechen. Sie spürte, dass ihre Herrin noch mehr zu sagen hatte.

 „Und belästige mich nicht länger mit Ausflüchten und Entschuldigungen.“ Diones laute Stimme hallte zwischen den hohen Säulen. „Bringt mir den Jungen. Es ist mir völlig egal, wie ihr das anstellt, aber bringt mir endlich diesen Jungen.“

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